29.11.2015

Eine Tragödie in zwei Akten -

 von Kabul bis Paris

 

Von Hamidulla Obaidi

 

Malang, ein junger Afghane  hatte mich kürzlich kritisiert, weil er es nicht gut fand, dass ich über mein Profilbild die Farben der französischen Flagge gelegt hatte. Dies hatte ich unmittelbar nach dem Blutbad in Paris getan. Er fand es befremdlich und verlangte von mir, ich sollte doch die Flagge meiner Heimat, also Afghanistans, präsentieren.

Dem jungen Mann habe ich folgendes zur Antwort geschrieben:

"Lieber Malang – Die dreifarbige afghanische Flagge trage ich stets im Herzen und in meiner Seele. Doch ich teile die Menschen nicht in verschiedenen Kategorien nur weil sie eine andere Religion oder Herkunft besitzen. Solidarität mit anderen Menschen ist die wichtigste Essenz der Menschlichkeit. "

Als Teenager war ich schon zu tiefst begeistert von der französische Parole  Liberté, Égalité, Fraternité. Dieses prägte meine Weltanschauung und mein gesamtes Leben und Schicksal. Hätte ich mein Mitgefühl mit der Fahne nicht ausgedrückt, so wäre ich nicht ich.

Vor allem wir Afghanen, da wir seit Jahrzehnten Opfer des Terrorismus sind, müssten wissen, was es heißt diesem Übel ausgeliefert zu sein…

Wir wissen, dass in Afghanistan Tausende unschuldige Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, durch die barbarischen Taten der Terrorgruppen getötet worden sind.

Wir wissen, dass jede gesellschaftliche Bewegung, die sich für den Fortschritt in Afghanistan eingesetzt hat, von den fundamentalistischen Kräften verleumdet und nieder gemacht worden ist.

Welche Religion, welcher Gott (wenn so was existiert)  oder vernünftige Mensch kann die Massaker in Afghanistan, Irak, Syrerin oder Paris gut heißen?!...

Welche Religion, was für einen Gott kann es den Menschen verbieten nach Glück, Liebe und Wohlstand zu streben?!…

Meine Antwort auf diese Fragen lautet: Kein Gott, keine Religion setzt sich für die Barbarei ein. Tatsache ist jedoch, dass jene fantastischen Kräfte, die sich als „Gotteskrieger auf Erden“ bezeichnen die Muslime de facto zu ihren Geiseln gemacht haben. Wenn aber die Muslime sich von dieser Geiselhaft befreien wollen, wenn sie ein friedliches, sicheres, glückliches Leben führen möchten, dann müssen sie sich und ihre Religion aus der Hand dieser Fanatiker befreien. Sie müssen sich endlich um eine Aufklärung (Modernisierung) ihrer Kultur und Religion ernsthaft bemühen.

 

Die Lehren aus der Geschichte

Die Untaten im Namen der Religion darf nicht ignoriert oder gar hingenommen werden.

Die Geschichte lehrt uns aber auch, dass die Kolonialmächte oft die Religionen in unseren Regionen für ihre Zwecke missbraucht haben. Ein Beispiel dafür ist die jüngste afghanische Geschichte: Die Engländer haben mit Hilfe der fanatischen Kräfte gegen den liberalen König geputscht (1929) und haben das Land im Chaos versinken lassen. Warum? Weil der liberale, junge König gegen die Tyrannei der Engländer in Afghanistan kämpfte.

Zuletzt wurde Afghanistan ein Bauernopfer im Schachfeld des "Kalten Krieges". Die USA haben es verhindert, dass der Krieg im Land in einer nationalen Versöhnung endete. Washington wollte die Rache für die erlittene Niederlage in Vietnam.

Zumindest für uns Afghanen ist es kein Geheimnis mehr wer die „Taliban“ sind und welche Mächte sie ins Spiel gebracht haben: Es waren die USA und ihr strategischer Verbündeter in der Region – Pakistan.

Wir können uns noch gut daran erinnern, mit welchen Versprechungen die USA nach dem 11. September in Afghanistan einmarschiert sind.  Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Wohlstand sind versprochen worden. Stattdessen befinden sich die Afghanen in einem indirekten und zerstörerischen Krieg mit Pakistan – einer Atommacht - ohne nennenswerte Streitkräfte, ohne Luftwaffe usw…

Nun redet wieder einmal die ganze Welt vom Kampf gegen den Terrorismus, obwohl alle, zumindest die Mächtigen, wissen, dass Pakistan zum Beispiel eine Brutstätte des islamischen Terrorismus ist. Es wirkt höchst befremdlich, dass Supermächte wie die USA oder Russland und China nicht in der Lage sind die Terrorfabriken in Pakistan zu vernichten. Sind die Mächtigen vielleicht für den Krieg gegen Terror, ohne ihn beenden zu wollen?! …

 

Erinnerungen an einer Begegnung in Kabul  der 80er Jahre

Kabul im November 1987. Die Regierung hatte die  Loya Jirga(die große Ratsversammlung) zusammenberufen. Ich war beauftragt ausländischen Journalisten zu diesem Thema Rede und Antwort zu stehen.

Die Fragen der westlichen Journalisten waren nicht einfach und ich tat mein Bestes, um sie so gut wie möglich zu beantworten. Meine Offenheit überraschte die damals anwesenden Journalisten. Da ich keine Anweisungen von der Parteispitze erhalten hatte, habe ich mich bemüht ehrlich und vernünftig auf die Fragen der Presseleute einzugehen.

Am Ende der Pressesitzung baten mich ein amerikanischer Journalist (wenn ich mich nicht irre, ein Reporter von Los Angeles Times) und ein französischer Journalist (AFP Korrespondent) um ein Gespräch unter „sechs Augen“. Ich lud sie zum Abendessen in Interkontinental Hotel ein. Der amerikanische Reporter wollte wissen, ob er eine Flasche Wodka mitbringen dürfe. Er war über Moskau nach Kabul geflogen. Ich stimmte zu und bat ihn dies aber für sich zu behalten.

Im Gespräch mit den beiden Reportern stellte ich fest, dass im Gegensatz zu meinen Erwartungen, der amerikanische Journalist ein offener Dialogpartner war, jedoch sein französischer Kollege höchst ideologisch argumentierte.

Bei diesem Gespräch habe ich über die Gefahren des Fundamentalismus und Islamismus für Afghanistan und den Rest der Welt gesprochen.

Der französische Journalist lehnte meine Argumente barsch ab und hatte einen sehr, wie ich fand, romantische Sicht über die afghanischen Djhiadisten.

Zudem sagte er: „Für uns sind nicht die Djhiadisten ein Problem, sondern der Präsenz der sowjetischen Truppen in Afghanistan...“

Ich sagte: „Wir  müssen nun über das Schicksal der Afghanen  nach dem Rückzug der sowjetischen Streitkräfte denken. Dies muss nun unsere neue Aufgabe sein“. 

Doch er gab keine Antwort und schwieg.

 

Was ist das Ziel?

Ich bin der Ansicht, dass viele Politiker im Westen immer noch nicht die notwendigen Lektionen von den Tragödien gelernt haben, die sich seit Jahren in Ländern wie Afghanistan, Irak oder Syrien abspielen.  Das gilt auch für Russland und andere Mächte…

Als der französische Präsident François Hollande nach dem Blutbad von Paris, vom Krieg gegen den Terror sprach, da war ich doch sehr überrascht.

Die Politiker in Paris haben es immer noch nicht gelernt, dass man Extremismus und Terrorismus nicht mit Bomben und Krieg oder polizeiliche  Maßnahmen allein beseitigen kann.

Der Westen sollte endlich, selbstkritisch und ohne Vorurteile, beginnen die letzten Jahre und den so genannten Krieg gegen den Terrorismus auf den Prüfstand zu stellen. In Anstrengung aller Nationen in fester Zusammenarbeit, sollte es nicht schwer sein den Terrorismus zu beseitigen.

 

Meine Sicht

Was passiert täglich in der Welt, dies zeigt auf das unsere Welt absolut nicht in Ordnung ist. Die Welt braucht eine friedliche-demokratische Grundordnung. Sicherheit ohne solche Grundordnung bleibt nur eine Illusion.

Ich denke, dass Frankreich, Deutschland und die gesamten EU ohne Geist der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (Freiheit, Gleichheit, Solidarität)nicht an der Spitze der Welt stehen könnten. Heute braucht die ganze Welt diesen Geist.  Ohne diesen Geist der friedlichen-demokratischen Grundordnung bleibt nur eine Illusion.